Constructor Talks Podcast: Kreativität und Schmerz auf den Grund gehen mit Dr. Radwa Khalil

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Dr. Radwa Khalil on the Constructor Talks podcast.
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Dr. Radwa Khalil on the Constructor Talks podcast. (Constructor University)

Was haben Politiker*innen, Primaten und Schmerz gemeinsam? Alle drei haben Neurowissenschaftlerin Dr. Radwa Khalil in ihrer Leidenschaft für menschliche Kreativität und ihrem Bestreben unser wissenschaftliches Verständnis darüber zu erweitern, fundamental geprägt. In der neuesten Folge von Constructor Talks, dem Podcast der Constructor University, hat Gastgeber René Wells sich mit der Gastdozentin zusammengesetzt und mit ihr über ihre akademische Reise von Kairo nach Bremen und die komplexe Beziehung zwischen Kreativität, Schmerz und dem Gehirn gesprochen.  

Im Mittelpunkt von Dr. Khalils Arbeit steht eine einfache, aber wirkungsvolle Prämisse: Kreativität ist nicht nur eine künstlerische Eigenschaft, sondern ein grundlegender kognitiver Prozess, den alle Menschen teilen – geprägt sowohl von unseren persönlichen als auch von unseren gesellschaftlichen Erfahrungen. Dr. Khalil wehrt sich gegen die starren Grenzen, die sich zwischen akademischen Disziplinen und Fachgebieten bilden und Wissen isolieren können. Sie ist überzeugt davon, dass interdisziplinäre Forschungsansätze, die Psychologie, Neurowissenschaften und andere Bereiche verbinden, notwendig sind, um das menschliche Gehirn und Verhalten wirklich zu verstehen.

„Die Interdisziplinarität der Wissenschaft ist von entscheidender Bedeutung. Ich glaube nicht an die Trennung von Psychologie und Neurowissenschaften. Sie ergänzen sich gegenseitig, und das gilt für fast alle Bereiche der Wissenschaft. Alle Wissenschaften greifen einander unter die Arme“, erklärt sie in der Folge. „Die Psychologie beschreibt, was wir im täglichen Leben beobachten und erleben, während die Neurowissenschaften es uns ermöglichen, diese Prozesse zu messen und zu erklären.“

Dr. Khalils Einsatz für die interdisziplinäre Forschung zeigt sich deutlich in ihrer neuesten Arbeit „Pain as a muse: how creative acts flourish in the shadow of struggle“ (Der Schmerz als Muse: Wie kreatives Schaffen im Schatten des Leidens aufblüht). Darin schlägt sie einen interdisziplinären Forschungsrahmen vor, um unser Verständnis der komplexen Beziehung zwischen Schmerz und kreativem Denken voranzubringen. Anstatt Schmerz ausschließlich als etwas zu betrachten, das es zu beseitigen gilt, definiert Dr. Khalil ihn als eine universelle menschliche Erfahrung. Diese ist grundlegend mit denselben kognitiven Mechanismen verbunden, die auch am kreativen Denken beteiligt sind, wie etwa den Aufmerksamkeitssystemen.

Ihre Arbeit deutet auf vielversprechende therapeutische Möglichkeiten hin. Dabei werden Formen des kreativen Ausdrucks – wie Musik, Tanz, Kunst oder Schreiben – genutzt, um die Aufmerksamkeitssteuerung so umzulenken, dass unser Erleben von Schmerz und Leiden verringert oder sogar transformiert wird. Sie hob Neurofeedback als eine vielversprechende Methode hervor, bei der Patient*innen auf personalisierte Reize wie Bilder, Musik oder Erinnerungen reagieren, während ihre Gehirnaktivität überwacht wird. „Wenn man jemandem etwas Bedeutungsvolles oder Positives zeigt, kann das das Schmerzempfinden verringern“, erklärt sie und veranschaulichte damit, wie tief Wahrnehmung und Emotion miteinander verwoben sind.

Während des 45-minütigen Gesprächs teilte Dr. Khalil auch faszinierende Einblicke in ihren eigenen Weg hin zur Erforschung von Gehirn, Schmerz und Kreativität. Schon während ihres Studiums an der Universität Alexandria in Ägypten fühlte sich Dr. Khalil vom Gehirn und dem menschlichen Geist angezogen, angetrieben von einer ungewöhnlichen Motivationsquelle: „Mein Hauptantrieb war es, Politiker*innen besser zu verstehen, weil sie Entscheidungen treffen, deren Sinn und Zweck ich nicht verstehe“, erklärt sie.

Da es in ihrem Heimatland keine Möglichkeiten zur neurowissenschaftlichen Forschung gab, erzählte Dr. Khalil von ihrer schwierigen Entscheidung, einen sicheren akademischen Weg hinter sich zu lassen, um ihr Interessengebiet in Europa zu verfolgen. Dort untersuchte sie an der Universität Bordeaux die Entscheidungsfindung bei Primaten. Während eines längeren Aufenthaltes in Amerika, der mit der ersten Präsidentschaft von Trump zusammenfiel, sah Dr. Khalil ihre Arbeit erneut von der Politik beeinflusst. Diesmal konzentrierte sie sich auf Migrant*innengemeinschaften, die diese Phase der Ungewissheit und Einschränkung erlebten, und darauf, wie sie auf diese Widrigkeiten reagierten. Diese gelebten Erfahrungen prägten ihre Definition von Kreativität und kreativem Denken als der Fähigkeit, Kampf und Leid in etwas Bedeutungsvolles zu verwandeln.  

Es ist eine Sichtweise, die mit Dr. Khalils eigener Lebenserfahrung und ihrer Hoffnung für die Zukunft übereinstimmt. „Wissenschaft ist eine Reise. Sie ist niemals eine Komfortzone, in der man ein bestimmtes Ziel erreicht und dann anhält. Es ist lebenslange Arbeit. Jeder Punkt, den man erreicht, wirft eine neue Frage auf, die man zu beantworten versucht“, sagt sie. Während sie in ihrer eigenen Karriere voranschreitet, freut sie sich darauf, ihre Studierenden auf ihren eigenen Wegen zu unterstützen – durch ein Mentoring, das auf Bescheidenheit und dem ehrlichen Wunsch beruht, sie erfolgreich zu sehen. Sie beendet die Folge mit einem einfachen japanischen Sprichwort, das ihren eigenen Mut und ihre Widerstandskraft in schwierigen Zeiten stärkte: „Siebenmal hinfallen, einmal aufstehen.“

Hier die ganze Folge anhören (auf Englisch).

Der Podcast „Constructor Talks“ ist auf Spotify, Apple Podcasts, Amazon und YouTube verfügbar, wobei jeden Monat neue Folgen erscheinen. Jetzt abonnieren und einschalten, um tiefgründige Gespräche mit Top-Forschenden, Innovator*innen und Denker*innen zu hören, die die Art und Weise, wie wir leben, lernen und die Welt um uns herum verstehen, mitgestalten.

Dr. Rada Khalil on the Constructor Talks podcast.
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